Michel de Montaigne: Essais : du repentir (über die Reue)
Excusons icy ce que je dy souvent, que je me repens rarement et que ma conscience se contente de soy, non comme de la conscience d’un ange ou d’un cheval, mais comme de la conscience d’un homme, adjoustant tousjours ce refrein, non un refrein de ceremonie, mais de naifve et essentielle submission : que je parle enquerant et ignorant, me rapportant de la resolution, purement et simplement, aux creances communes et legitimes. Je n’enseigne poinct, je raconte.
michel de montaigne: 1580 - 1595
Indessen muss man mir zu gute halten, dass ich einerley Sache so oft sage, dass ich mich selten etwas gereuen lasse, und dass mein Gewissen mit sich selber zufrieden ist, nicht als mit einem englischen oder Pferdegewissen, sondern als mit einem menschlichen. Man muss auch meine Einschränkung bemerken, die nicht von einer Verstellung, sondern von von einer wahrhaftigen und wirklichen Bescheidenheit herrühret, dass ich als ein lernbegieriger und unwissender Mensch rede, und die Entscheidung lediglich den gemeinen und richtigen Meynungen überlasse; dass ich nicht lehre, sondern erzähle.
übers. johann daniel tietz : 1753/54
Ich will hier rechtfertigen, was ich oft sage, dass ich selten etwas bereue, und dass mein Gewissen mit sich im Einklang ist: nicht als ein Engels- oder ein Pferdegewissen, sondern als das Gewissen eines Menschen; wozu ich immer einen Kehrreim anfüge, nicht einen Kehrreim der äusseren Schicklichkeit wegen, sondern der einfältigen und echten Unterwerfung: dass ich nur als Fragender und Unwissender spreche, der die Entscheidung schlicht und ganz den gemeinen und gültigen Glaubenssätzen anheimstellt. Ich lehre nicht, ich berichte.
übers. herbert lüthy : 1953
verzeiht, dass ich oft sage, dass ich selten bereue und dass ich mit mir einverstanden bin : nicht mit dem bewusstsein eines engels oder eines pferdes, sondern mit dem bewusstsein eines menschen – und dass ich immer diesen refrain anhänge, der nicht der konvention genügen will, sondern meiner naiven und essentiellen einsicht entspricht : dass ich als fragender und unwissender spreche, der sich schlicht und einfach auf die allgemeinen und geltenden annahmen bezieht. ich lehre nichts, ich berichte.
[se:0704018]
Unter Archiv verstehe ich die Gesamtheit der tatsächlich geäusserten Diskurse; und diese Gesamtheit von Diskursen wird nicht lediglich als eine Gesamtheit von Ereignissen betrachtet, die sich ein für alle mal ereignet hätten und die im Vorhof oder im Fegefeuer der Geschichte in der Schwebe geblieben wären, sondern auch als eine Gesamtheit, die weiterhin funktioniert, sich im Laufe der Geschichte transformiert, anderen Diskursen die Möglichkeit des Auftretens gibt.
michel foucault: schriften 1. dits et ecrits.
Muss man den letzten Müssiggänger darauf hinweisen, dass ein ‚Tableau’ (und wahrscheinlich in allen möglichen Bedeutungen des Wortes) formal eine ‚Serie von Serien’ ist? Auf jeden Fall ist es kein kleines festes Bild, das man vor eine Laterne stellt – zur grossen Enttäuschung der kleinen Kinder, die in ihrem Alter freilich die Belebtheit des Kinos vorziehen.
michel foucault: archäologie des wissens.
> schreiben - ein wunder > schnüerlischrift > ich, ein plagiat > gedanke > stil > arbeitsmethode >
2007-04-18
INTENDED - REALIZED II

ein pflasterstein aus paris : garantiert im 68 zur freien verfügung rumliegend : und hat es jetzt nach Z geschafft auf der intended - realized rutschbahn : ferien plus sprachaufenthalt (no diploma : experience! masters ad lib.) mit leichter arbeit (expressomaschinenuntersatz auf vietnamholztisch und bildlibeschwerer für scanner) und kost und logis. der nostalgiewert ist eher dürftig : 'unter dem pflaster liegt der strand' : noch darunterer die desolate pariserkanalisation : c'est égoutant. française, français: vive la france! geht an die urnen, bevor ihr drin seid!
[se: 070418]

> intended - realized I > intended realized III art metropole paris > cat fight > empedokles(sig) > clearwater beach > mireille matthieu >
INTENDED - REALIZED I

it’s all right – i’m still living. still wondering.
(can cats really fly? or somersault? or tightrope walk : they sure can. ('how many birds must a cat devore, before she can fly sky high' : one. at least she'll fly better than the bird she swallowed.))
[se: 070418]
> intended - realized II > intended - realized III > teddybear syndrome > schlaraffenland > cat fight > lost and found dept. > clearwater beach > empedokles(sig) > bob dylan ; "it's all right mom, i'm only bleeding" >
2007-04-15
ENZYCK IV (EMPEDOKLESSIG)
enzykend : einäuglein, wachst du? (grimm?) : jeder sieht die welt als ganz alles : so ganz allein und röhrenblickig. so schön, wenn alle blicken. (ganze abteilung einäuglein marsch. blick in alle richtungen des zirkels geworfen : rückmeldung : das blinde zentrum wird’s schon zusammenführen.)
[se:070403]

lieber s:
ein bild aus dem loch steigend in was? mehr ziseliertes loch? chaos (minus was man meint man weiss - aber so schwarz/weiss siehts ja doch wieder signorelli-bekannt aus) . aber trotzdem: ein erstaunliches bild.
herzliche grüsse
venice
ps: ich war dann doch erstaunt (baffled), als ich die compi-abkürzung für das bild (den bildtitel) sah : 'empedoklessig' - ...??? (aus empedoklessig)norelli)) gebastelt.
[se:0102..]
> enzyck I > enzyck II > enzyck III > pokalbeweis > zyklop > kaspar > clearwater beach > lullus > wunderliche reise
[se:070403]

lieber s:
ein bild aus dem loch steigend in was? mehr ziseliertes loch? chaos (minus was man meint man weiss - aber so schwarz/weiss siehts ja doch wieder signorelli-bekannt aus) . aber trotzdem: ein erstaunliches bild.
herzliche grüsse
venice
ps: ich war dann doch erstaunt (baffled), als ich die compi-abkürzung für das bild (den bildtitel) sah : 'empedoklessig' - ...??? (aus empedoklessig)norelli)) gebastelt.
[se:0102..]
> enzyck I > enzyck II > enzyck III > pokalbeweis > zyklop > kaspar > clearwater beach > lullus > wunderliche reise
2007-04-10
ARCHIVE UND KINDER
„Woher kommen die Kinder? Vom Storch, aus einer Blume, vom lieben Gott, vom Onkel aus Kalabrien. Doch schauen Sie sich das Gesicht dieser Bengel an: Sie tun nichts, um den Eindruck zu erwecken, sie glaubten das, was sie sagen. Sie lachen dabei oder schweigen, ihre Stimme kommt von fern, die Blicke wandern von rechts nach links, und die Antworten auf diese Erwachsenenfragen haben eine perfide Gescheitheit; sie behaupten das Recht, für sich zu behalten, was man gern flüsternd äussert. Mit dem Storch macht man sich über die Erwachsenen lustig, zahlt man ihnen mit falscher Münze heim; er ist das ironische, ungeduldige Zeichen dafür, dass die Frage nicht weiter vordringen darf, dass die Erwachsenen indiskret sind, dass sie keinen Zutritt zu der Runde haben, und dass das Kind sich das ‚Übrige’ selbst erzählen wird.“
michel foucault: schriften 3. dits et ecrits. p.354 (1997): und das sagt er zum film comizi d’amore von pasolini!

so sind die archive, diese versammlungen von bengeln, frech in ihrer herumliegendheit, in ihrer verweigerung, alles zu sagen, was sie wissen – und sie sind gar nicht, wie manche meinen, so bereitwillig, sich in neue konzepte, interpretationen, zusammenhänge stellen zu lassen. sie sind gar nicht bereit, als willige diener eines neuen ‚sinnstiftenden ganzen’ zu fungieren. sie sind, und das glaube ich ihnen, in all meiner unkenntnis ihres eigenlebens, unterstellen zu können, ganz genuin renitent in ihrer welt – da können wir sie ordnen und disziplinieren, wie wir wollen : es wird, neben den langweiligen mitläufern, immer genügend vife deserteure geben, saboteure auch, von einer subtilität, dass das ordnende system sie nicht bemerkt, aber trotzdem wegen ihnen im kreis herumläuft. ganz naiv scheint mir der ansatz zu sein, dass man archive, mit allem mitwissen, was sie uns nicht preisgeben, trotzdem in neue aussagen überführen kann. das beste, was möglich sein könnte, ist, dass man sie mit ihrem eigenständigen diskurs in einen neuen diskurs ‚mitnimmt’ : zusammen mit ihnen reist.
(naja: dieses zusammenreisen, nomadisieren ist noch bitz erklärungsbedürftig, aber ich weiss so halbwex, was ich mein, und lichtenberg nickt mit seinem kopf ‚jawohl’. auch noch ein bitz unausgegoren, aber halt auch am plaudern.)
[se:040326]
> gewürze > archiv > kommentar > abtrünnig > pokalbeweis >
michel foucault: schriften 3. dits et ecrits. p.354 (1997): und das sagt er zum film comizi d’amore von pasolini!

so sind die archive, diese versammlungen von bengeln, frech in ihrer herumliegendheit, in ihrer verweigerung, alles zu sagen, was sie wissen – und sie sind gar nicht, wie manche meinen, so bereitwillig, sich in neue konzepte, interpretationen, zusammenhänge stellen zu lassen. sie sind gar nicht bereit, als willige diener eines neuen ‚sinnstiftenden ganzen’ zu fungieren. sie sind, und das glaube ich ihnen, in all meiner unkenntnis ihres eigenlebens, unterstellen zu können, ganz genuin renitent in ihrer welt – da können wir sie ordnen und disziplinieren, wie wir wollen : es wird, neben den langweiligen mitläufern, immer genügend vife deserteure geben, saboteure auch, von einer subtilität, dass das ordnende system sie nicht bemerkt, aber trotzdem wegen ihnen im kreis herumläuft. ganz naiv scheint mir der ansatz zu sein, dass man archive, mit allem mitwissen, was sie uns nicht preisgeben, trotzdem in neue aussagen überführen kann. das beste, was möglich sein könnte, ist, dass man sie mit ihrem eigenständigen diskurs in einen neuen diskurs ‚mitnimmt’ : zusammen mit ihnen reist.
(naja: dieses zusammenreisen, nomadisieren ist noch bitz erklärungsbedürftig, aber ich weiss so halbwex, was ich mein, und lichtenberg nickt mit seinem kopf ‚jawohl’. auch noch ein bitz unausgegoren, aber halt auch am plaudern.)
[se:040326]
> gewürze > archiv > kommentar > abtrünnig > pokalbeweis >
2007-04-09
ENZYCK III
eine zyklopen-, ens-, entis-, enzyklopädie-arbeit leuchtet im überschreiten des zyklopenröhrenblicks dann auf, wenn die lemmataverweise (also wenn ein lemma auf ein anderes lemma hinweist) in bereiche führen, die in der enzyklopädie nicht erschöpfend behandelt sind. wo die weissen landkarten blühn, da will ich denkabenteuer haben. was von ens zu enzyk (wie entzückend und enzyklopädisch auch immer) transferiert ist, ist das letztlich angefallene, leider immer auch das möglicherweise abfallende. was man weiss, will mehr. ob flicke helfen, ist schwer zu sagen – flicke sind exkursionen ins unbekannte: wie sieht das schon bekannte nachher aus?
zwischen konservativismus (erhalten, flicken, was da ist) und neugier (die lücken schliessen) gibt es, zwischen handarbeit und gesang, viele mittel, am leben teilzunehmen. das unausgesprochene, aber andeutungsweise daraufhin verweisende, ist ebenso wichtig wie das ausgesprochene. das verfolgen von durch texte nur angedeutete aber nicht ausgedeutete ist, im sinne eines ergänzungsflickes, genauso bedeutend wie das ausgesprochene. das perfekt produzierte wie das perfekt geflickte sind mir fremd. „there is no such thing“.
wenn mich der teufel reiten würde, was er leider gar nicht kann, weil ich nicht an ihn glaube (was ich aber gerne tun würde, wenn mir glauben möglich wäre und er an mich glauben könnte), würde ich sagen: „seht: eine metapher!“ (=überlebensflick). so sag ich jetzt halt (und das soll ja niemand glauben): „jeder text ist eine metapher, jedes lemma lebt nur von seinen querverweisen, jeder querverweis lebt nur von seiner impliziten utopie des ‚mehr’, jedes ‚mehr’ lebt durch seine absenz, jede absenz lebt durch das imaginierte gefüllte (volle)“.
die schönheit einer enzyklopädie liegt ebensosehr im ausgesprochenen wie im implizit möglichen – und: in der absenz.
[se:030607 etc.]
> geistesblitz > enzyck I > enzyck II > enzyck IV (empedoklessig) > lullus >
zwischen konservativismus (erhalten, flicken, was da ist) und neugier (die lücken schliessen) gibt es, zwischen handarbeit und gesang, viele mittel, am leben teilzunehmen. das unausgesprochene, aber andeutungsweise daraufhin verweisende, ist ebenso wichtig wie das ausgesprochene. das verfolgen von durch texte nur angedeutete aber nicht ausgedeutete ist, im sinne eines ergänzungsflickes, genauso bedeutend wie das ausgesprochene. das perfekt produzierte wie das perfekt geflickte sind mir fremd. „there is no such thing“.
wenn mich der teufel reiten würde, was er leider gar nicht kann, weil ich nicht an ihn glaube (was ich aber gerne tun würde, wenn mir glauben möglich wäre und er an mich glauben könnte), würde ich sagen: „seht: eine metapher!“ (=überlebensflick). so sag ich jetzt halt (und das soll ja niemand glauben): „jeder text ist eine metapher, jedes lemma lebt nur von seinen querverweisen, jeder querverweis lebt nur von seiner impliziten utopie des ‚mehr’, jedes ‚mehr’ lebt durch seine absenz, jede absenz lebt durch das imaginierte gefüllte (volle)“.
die schönheit einer enzyklopädie liegt ebensosehr im ausgesprochenen wie im implizit möglichen – und: in der absenz.
[se:030607 etc.]
> geistesblitz > enzyck I > enzyck II > enzyck IV (empedoklessig) > lullus >
ENZYCK II
Zu schreiben "à la Montaigne", "Montaigne so gut es geht", so Jean Paul auch in seinem nachgelassenen Vita-Buch, das bedeutet eben: "...nach Montaigne; Versuche zu reden über alles und sich nur daneben". "Nur daneben" wiederum bedeutet: in der dem Essay entsprechenden Form der Digression, der 'musivischen Schreibweise'. Montaigne selbst bekräftige nicht nur – so in der Übersetzung von Johann Daniel Tietz (1753/54), die Jean Paul wohl bekannt war – dass dieses Buch im Grunde nur von ihm handeln werde ("Also bin ich selbst die Materie meines Buches, geneigter Leser"), sondern verteidigte auch, über den Umweg Plutarch, seine eigene digressive Schreibweise als eine hervorragende Verbindung von Poesie und Wissen:
"Ich gerathe auf Abwege: aber mehr muthwillig, als aus Unachtsamkeit. Meine Grillen folgen einander, aber zuweilen von weitem; und sehen einander an, aber von der Seite. (...) Ich liebe den poetischen Gang, das Hüpfen und Springen. Die Poesie ist, wie Plato sagt, eine leichte, flüchtige, entzyckte Kunst. Es giebt in dem Plutarch Werke, wo er seine Hauptsache vergisst; wo das, was er sich ab zu handeln vorgesetzet hatte, nur zufälliger Weise hinein kömmt, und ganz mit fremder Materie überhäuft ist. (...) Wie schön ist diese Abwechslung und alsdenn am meisten, wenn sie am nachlässigsten und ungekünstelsten zu seyn scheint! (...) Meine Schreibart, und mein Gemüth, schwärmen beyde herum. (...) Bücher sehen, so viel als sie ansehen; und sie durchlaufen, so viel als sie fassen: so würde ich unrecht haben, wenn ich mich so unwissend machte, als ich thue. Kann ich die Aufmerksamkeit des Lesers durch die Wichtigkeit der Sache nicht erhalten: gut, es ist doch allezeit etwas, wenn ich sie durch meine Verwirrung erhalte."
andreas b.kilcher: mathesis und poiesis
enzyck I > enzyck III > enzyck IV (empedoklessig) > lullus >
"Ich gerathe auf Abwege: aber mehr muthwillig, als aus Unachtsamkeit. Meine Grillen folgen einander, aber zuweilen von weitem; und sehen einander an, aber von der Seite. (...) Ich liebe den poetischen Gang, das Hüpfen und Springen. Die Poesie ist, wie Plato sagt, eine leichte, flüchtige, entzyckte Kunst. Es giebt in dem Plutarch Werke, wo er seine Hauptsache vergisst; wo das, was er sich ab zu handeln vorgesetzet hatte, nur zufälliger Weise hinein kömmt, und ganz mit fremder Materie überhäuft ist. (...) Wie schön ist diese Abwechslung und alsdenn am meisten, wenn sie am nachlässigsten und ungekünstelsten zu seyn scheint! (...) Meine Schreibart, und mein Gemüth, schwärmen beyde herum. (...) Bücher sehen, so viel als sie ansehen; und sie durchlaufen, so viel als sie fassen: so würde ich unrecht haben, wenn ich mich so unwissend machte, als ich thue. Kann ich die Aufmerksamkeit des Lesers durch die Wichtigkeit der Sache nicht erhalten: gut, es ist doch allezeit etwas, wenn ich sie durch meine Verwirrung erhalte."
andreas b.kilcher: mathesis und poiesis
enzyck I > enzyck III > enzyck IV (empedoklessig) > lullus >
ENZYCK I
das motiv, das mich getrieben hat, ist sehr einfach. manchem, so hoffe ich, könnte es für sich selber genügen. es war neugier – die einzige art neugier, die die mühe lohnt, mit einiger hartnäckigkeit betrieben zu werden: nicht diejenige, die sich anzueignen sucht, was zu erkennen ist, sondern die, die es gestattet, sich von sich selber zu lösen. was sollte die hartnäckigkeit des wissens taugen, wenn sie nur den erwerb von erkenntnissen brächte und nicht in gewisser weise und so weit wie möglich das irregehen dessen, der erkennt? es gibt im leben augenblicke, da die frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum weiterschauen oder weiterdenken unentbehrlich ist.
michel foucault: sexualität und wahrheit II
Wenn es ein Werk von etwa zehn Folianten gäbe, worin in nicht allzu grossen Kapiteln jedes etwas Neues, zumal von der spekulativen Art, enthielte; wovon jedes etwas zu denken gäbe, und immer neue Aufschlüsse und Erweiterungen darböte: so glaube ich, könnte ich nach einem solchen Werke auf den Knien nach Hamburg rutschen, wenn ich überzeugt wäre, dass mir nachher Gesundheit und Leben genug übrig bliebe, es mit Musse durchzulesen.
georg christoph lichtenberg: sudelbuch k 56
All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.
samuel beckett: worstward ho.
> enzyck II > enzyck III > enzyck IV (empedoklessig) > arbeitsmethode > lullus > schnüerlischrift
michel foucault: sexualität und wahrheit II
Wenn es ein Werk von etwa zehn Folianten gäbe, worin in nicht allzu grossen Kapiteln jedes etwas Neues, zumal von der spekulativen Art, enthielte; wovon jedes etwas zu denken gäbe, und immer neue Aufschlüsse und Erweiterungen darböte: so glaube ich, könnte ich nach einem solchen Werke auf den Knien nach Hamburg rutschen, wenn ich überzeugt wäre, dass mir nachher Gesundheit und Leben genug übrig bliebe, es mit Musse durchzulesen.
georg christoph lichtenberg: sudelbuch k 56
All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.
samuel beckett: worstward ho.
> enzyck II > enzyck III > enzyck IV (empedoklessig) > arbeitsmethode > lullus > schnüerlischrift
2007-04-04
POESIE DER FEHLER

das alles ist die poesie der fehler, die dann dem lernenden im verlaufe des durch übung erworbenen wohlverhaltens verloren geht. das ist ein ewiges keider leider aber eben halt ein zuwachs an humankapital, wo so schön gesagt wird heutzutags, aber manchmal wiess man dann auch nicht so recht, was absichtloxh und was intentionell richtig feschrieben ist, oder? im moment möchte ich schon das ‚fehlerfrei’ können, aber das verweigert sich halt ein bisschen. und immer nur auf der korrekturtastw herumdrüchen ist auch nicht mein ziel. aber diese fehlerpoesie hat schon auch seinen reiz – es ist so wie kinder die sprache lernen und dabai halt so dies und das ausprobieren. jetzt, wo ich so gerne fehler schareiben möcht,, machen sie sich doch fast bitz rar, schade. dafür benehmen sich wenigstens noch die bäume ungebührlich, und es wird von den behörden sogar festgestellt.
[se:050217]
ZZZetera, et
«nobis autum (si forsan miraris hanc tractandi rationem) visum est interim ludere in vocabulis» – übersetzt, 1574, als «so dich diss unser schreiben und art zu reden/ wunder nehmen: sollstu wissen/ dass uns also mit worten zu kurzweilen gelustet hat»
Paracelsius: De vita longa
so wär ein schönes leben: mit wach und schlaf und traum : ein sich verlust(ier)en : verlustieren im verlust : nomadisieren im dasein und nichtdasein.
[se:031222]
> enzyck I > auctor > schnüerlischrift >
Paracelsius: De vita longa
so wär ein schönes leben: mit wach und schlaf und traum : ein sich verlust(ier)en : verlustieren im verlust : nomadisieren im dasein und nichtdasein.
[se:031222]
> enzyck I > auctor > schnüerlischrift >
2007-04-03
NOTES, PRENDRE DES
"Les notes qu’on prend en vue d’un travail ne servent jamais à rien."
paul léautaud : journal littéraire xvii, p.7
da hat er ja wohl für sich schon recht : wenn er es in bezug auf ein literarisches werk sagt, was beim ihm ‘roman’ heisst. einen roman will er nicht mehr schreiben und seine notes sind ihm zu langweilig, eben weil sie auf einen roman hinzielten. die notes als werk hat er aber dann in seinem ‚journal litteraire’ entdeckt : die täglichen aufzeichnungen, nicht als tagebuch im sinne des 19.jahrhunderts, sondern als literarische erzählung seines lebens, das ist ein text, in dem ich gern lese: unprätentiös, durchaus eingestandenermassen auch manchmal selbstverliebt, aber mit sehr ‚offenen augen’ und, in aller kurligkeit, mit warmem herz.
[se:060612]
"J’ai voulu me remettre ce soir à lire les Mémoirs du Retz (encore un achat, l’année dernière, 300 frs, qui ne m’a pas réussi). Il n’y a pas moyen. C’est assommant. Au moins pour moi, c’est illisible. Tout le long de quatre volumes, fournis en matière, quels que soient le sujet, les circonstances, c’est le même débit, le même ton, la même monotonie de style, et un abus de détails et de mots inutiles : parfois, d’ailleurs. Le talent de Retz comme intrigant, conspirateur, aventurier quelque peu, ne suffit pas à donner de la vie, du mouvement. Je ne sait pas s’il avait de l’ésprit, de la passion? Rien en paraît."
paul léautaud : journal littéraire xvii. p.281
> tagebuch > kommentar > journal
paul léautaud : journal littéraire xvii, p.7
da hat er ja wohl für sich schon recht : wenn er es in bezug auf ein literarisches werk sagt, was beim ihm ‘roman’ heisst. einen roman will er nicht mehr schreiben und seine notes sind ihm zu langweilig, eben weil sie auf einen roman hinzielten. die notes als werk hat er aber dann in seinem ‚journal litteraire’ entdeckt : die täglichen aufzeichnungen, nicht als tagebuch im sinne des 19.jahrhunderts, sondern als literarische erzählung seines lebens, das ist ein text, in dem ich gern lese: unprätentiös, durchaus eingestandenermassen auch manchmal selbstverliebt, aber mit sehr ‚offenen augen’ und, in aller kurligkeit, mit warmem herz.
[se:060612]
"J’ai voulu me remettre ce soir à lire les Mémoirs du Retz (encore un achat, l’année dernière, 300 frs, qui ne m’a pas réussi). Il n’y a pas moyen. C’est assommant. Au moins pour moi, c’est illisible. Tout le long de quatre volumes, fournis en matière, quels que soient le sujet, les circonstances, c’est le même débit, le même ton, la même monotonie de style, et un abus de détails et de mots inutiles : parfois, d’ailleurs. Le talent de Retz comme intrigant, conspirateur, aventurier quelque peu, ne suffit pas à donner de la vie, du mouvement. Je ne sait pas s’il avait de l’ésprit, de la passion? Rien en paraît."
paul léautaud : journal littéraire xvii. p.281
> tagebuch > kommentar > journal
LOST AND FOUND DEPT.

james joyce, in pomes penyeach glaub ich : „I hear / from far her low breathe on my braking brain. / Come! I yield. Bend deeper upon me! I am here.” [‚ich hör / fernher ihren flachen atem in meinem brechenden hirn. / komm! ergeb ich. beug tiefer über michdich! ich bin hier’. und : ‚ich hör fernweg irrn fliehend atem durch mein brockenhirn / komm! ergeb mich. brück tiefer in das michdich! ich bin da.’ und nochmehr : 'fernherweg hörts flack in brocken : komm! übergebrich. in mich du dichmichdich. da.' ganz komprimiert: 'duflackerndüberbrechendich brückdichinmir! ichwirrda.' und : 'jetztgehenwirrfernzusammengeborckeneinhierselbstichdadu?' last version : 'can you hear me i do!' ('ichhörmichdu?') (se)] ich find das unglaublich intensiv traurig, so nah sich sein und fern : und wünschen, ganz nah zu sein. (was immer jj damit sagen wollte.) und dann möchte ich grad noch viel mehr joyce übersetzen auf subjective encyclopedist-tütsch, weil dann alles so subjective encyclopedist ist und nur noch ganzbitz joyce, weil er nur noch vorwand und anreg ist (und viel von einem lesen und lieb lesen und über ihn lesen ist alles doch immer noch subjective encyclopedist-tütsch zum ende). und pömes erlauben diese überintensivaufladung einzelner wörter und wortfolgen, dass es fast das herz verklöpft beim lesen, schreiben : so viel wortbatterie : ganze energiekondensate : kernkraftwerke sind ein überdimensionierter dreck dagegen : „come! i yield. bend deeper upon me. i am here, the breaking brain breathed upon by you from far : i hear!“ (se: jj expanded)
und jetzt halt (weil mir die konzentration in der ‚fremdsprache’ näher ist, doppelt fremd und doppelt nah – die wörter surren noch mehr so, wie ich als kind die ‚muttersprache’ gehört habe : immer voll mit unbekanntem, das assoziiert werden kann, noch unbestimmt in der klaren (gesetzlichen) aussage, weit weg von linearen fahrplänen des sprechens, noch ganz weite felder mit ab und zu einem baum oder einem geruch als orientierungspunkt, das brummen des teddybärs ist voller geschichten, moduliert in feinsten tonfolgen (musik habe ich immer wie eine kindliche sprache gehört, nah an wundervoller sprachäusserung, die jeder für sich immer wieder neu selbst erfindet)) :
the lost and found dept. poems:
"so who am i forlorn and lost found in the lost and found department. am i the one you never ever even hoped to find and never lost but found by mere coincidence, the none you dreamt of wishing, knowing nothing much specific – i am, nonplussing me myself and all of you together. you took me home with you, a sample of miracle, me, the one with wounded eyes, a heap of debris and desaster. but alas!: for me to be found, who never got lost, is no great wonder. and how could the absence of so little as nothing be a bother. ask me, i’m living, i’m here." (se)
und wenn ich jetzt das subjective encyclopedist-english auf deutsch übersetzen würd, wärs gar nichts mehr, so eng ist denk&sprakk verbandelt.
und noch ein ja: sometimes i miss the nights when i got slowly drunk : just me and some words crossing my brain – a wonderful friendship. (casablanca by se)
[se:060620/070403]
> choice, nach joyce > sprache > tarnkappe, scharf
"Your attraction to stuffed creatures is amusing to me. I once had a
good friend.... Kokomo Joe...

it's me & it's in Venezuela 1960..."
Scott Macleod [070403]
KINDERFRAGEN
kinderfragen sind fragen an ein weltbild, das in osmotischem diskurs in permanentem flick-erneuerungs- und ergänzungszustand ein erst entstehendes heranflickt. mit bauklötzchen türme bauen ist die entsprechende metapher: manchmals hälts, manchmal brichts zusammen. dann beginnt man neu und flickt weiter an der : enzyklopädie? dem weiterleben?
„warum“? ist eine existentielle frage an das unverstandene, immer wieder inkongruente, auch flickensbedürftige.

warum ist die erde rund?
warum ist die banane krumm?
[se: 030430/070403]
> kindernamen > archive und kinder
„warum“? ist eine existentielle frage an das unverstandene, immer wieder inkongruente, auch flickensbedürftige.

warum ist die erde rund?
warum ist die banane krumm?
[se: 030430/070403]
> kindernamen > archive und kinder
KINDERNAMEN

depèche-toi, viens-ici, arrète-tout-de-suite, laisse-ça-tranquille, laisse-le, tais-toi, reste-à-ta-place, t’arrète-un-peu : so werden die kinder hier in paris gerufen. so klar ist es, wenn die enzyklopädie fertiggeschrieben ist und keine fragen mehr offen sind.
[se:060923]
> kinderfragen
KASPAR, KASPERL, CHÀ'SCHPÉ'RLI
ego, ich, io, i, je, : jaq, ich auch : wie auch immer : erste person singular : wunderbar, wie, wenn man erst mal diese ich-bezeichnung findet, man schon am kasperln ist. und dann : wie abkasperln? : doppelkasperl qua reflexion. : nullhinterspiegel qua zen. ich weiss nicht, das hin- und -her und vor- und hinter-kasperln wird auf die dauer langweilig: was nun? je nun, : vor allem : nicht weitersagen, oder doch : alles erzählen. : there is no such thing. gibt es sprachen, die keine ‚ich-form’ kennen? also nicht unbedingt solche, die nur ‚es tut’ sagen, sondern auch solche, die grundsätzlich ein anderes wesensverständnis haben? überhaupt : die denkformen sind ja sehr chaschperlig überall, weil jemand muss dann ja sprechen, aber sind alle so egozentrisch wie unsere? ‚wer spricht’ : immer noch eine aktuelle frage.[se:060628/060707]
> journal > tagebuch > tarnkappe scharf > cat fight > pokalbeweis > wunderliche reise >
ORDNUNG, im alltag
die ordnung der küchentücher und putzlappen : das gute gefühl von sicherheit und unendlichkeit, das dabei entsteht, wenn man einen völlig zerbrauchten lappen wegfirwt (das ist neu: in werfen ‚w’ und ‚f’ verwechseln und erst beim ‚w’ stutzen – oben sträubte ich mich irgendwie noch gegen das wegwerfen, das beendende, das damit angesprochen wird; umkehrung der lettern als umkehrung des wortsinns? item:) und wenn die reihe, die beige der lappen erneuert wird durch einen neugekauften (der sich unter den anderen, alteingesessenen, so sonderlich rechtwinklig gefaltet abhebt) – so dass eine bestimmte gesamtzahl erhalten bleibt – entsteht eine reihe, die nie abzubrechen scheint. die sauber eingeräumten schränke, die von unten bis oben ordentlich gefüllten wäschedepots als veranschaulichung eines lebenszirkels ohne vorausbestimmbares ende, die aufhebung des todes in der potenz der gattung. (aufhebung nun nicht gerade, eher eine abschwächung.)
die optische ordnung ergänzt, drückt die gedachte regeneration aus; das meine ich jetzt wenigstens : eine auslaufende reihe kann ja auch in sauberen häufchen stehen, aber das wird die ordnungsfreudigkeit wohl unterstützen: dass mit der erfassbaren ordnung ein stück unendlichkeit mitgedacht wird. (ein stück unendlichkeit: wie widersinnig: trotzdem oft: wie wahr: gerade ‚ewig’ möchte ich ja nicht unbedingt leben, aber schon mal eine rechte weile länger, als zu erwarten ist.)
die abnützung der gebrauchsgegenstände, die an ihre endlichkeit denken lässt, verschafft mir eher ein noch besseres gefühl. die abgeschliffenen steinstufen alter treppen, die tassen, töpfe mit einem ecken ab, kleider, die mir am körper dünner und dünner werden, das weckt ein gefühl der einigkeit, das vielleicht tröstlich ist, resignierter auch, ohne ausblick auf ein jenseitiges leben, mit keiner option auf ein stückchen unendlichkeit : der topf wird halt fortgeworfen, wenn er zerbricht, der mensch wird eingegraben, wenn er stirbt.
die wäscheschränke machten mich früher oft hässig : wie viel zeit da in ordnung um der ordnung willen eingesetzt wurde, wieviele wünsche begraben werden mussten, weil die wäsche gebügelt sein musste und keine zeit für wünsche übrigblieb; dass dieser verzicht nicht zuletzt dem gefühl der sicherheit zugute kommen sollte, ist eine sehr späte erfahrung von mir. die innere und äussere sicherheit aller staaten hängt von der disziplin ab. und disziplin wird nicht erreicht, wenn jeder so vor sich hin wünscht. vielleicht ist das gefühl der sicherheit bei kindern noch vorhanden ohne wäsche- und andere ordnungen – die zeit, da die wünsche noch in erfüllung gehen – und dieses gefühl geht verloren in verschiedenen wäschebergen und geordneten schränken.
so ist die freude an einem geordneten wäscheschrank wohl resignierter als ich vorerst dachte : wiedererwachen aus wunschträumen in ordnungen, die sich ewig repetieren, ist doch eher ein einschlafen : vom selbertun zum getanwerden. (vielleicht kann man sich die hölle so vorstellen: eine wäscheabteilung bei friedrich dem grossen.)
die abnützung bei gegenständen und lebewesen, vor allem bei gegenständen, ist mir nie unnatürlich vorgekommen, hat mich nie hässig gemacht. dass ein spielzeug (was immer das auch sei, ich meine nicht nur kinderspielzeug – ich spiele mit büchern, sätzen, lebensmitteln) nicht an jedem tag gleich aussieht, dass es sein gesicht und seinen charakter ändert, ist doch nicht an sich störend, im gegenteil. was mich zum schreien bringt ist der tod der existenzien (gegenstände). ich will die abnützung nicht in kausalen zusammenhang mit dem tod bringen; die schmerzen, die angesichts des todes erlebt werden, haben nichts mit rationalem verstehen zu tun. dass abnützung zur auflösung einer existenz führt, ist eine rationale erkenntnis (und wie wenig oft werden tode aus altersschwäche, oder was man dafür halten muss, gestorben). die veränderung, abnützung ist doch dem leben lieb, den wünschen gemässer als eine starre, unveränderliche ordnung.
dass mit zunehmendem alter ‚die zeit im nu vergeht’ : könnte das nicht mit eben diesen ordnungen zusammenhängen, die gewöhnungen erzeugen, klischees zu tatsachen machen. die welt ist erklärt, die wünsche haben sich dünn gemacht. man stutzt nicht mehr ‚wegen jedem dreck’, man setzt sich nicht mehr mit vielen dingen auseinander: das denken und fühlen hat seine formen gefunden – die erlebnisweisen sind eingeschränkt durch ordnungen – die zeit, in der nichts ‚spannendes’ geschieht, ist häufig und verfliegt in windeseile. die wäscheordnungen haben die wünsche eingewickelt und vertrieben. die welt ist sauber geputzt. die sprache hat nichts mehr neues zu sagen. eine mottenkugel im wäscheschrank. adieu!
[se:1982]
> disziplin; organisation, neu; new world order; enzyklopädie, archiv, wünsche
die optische ordnung ergänzt, drückt die gedachte regeneration aus; das meine ich jetzt wenigstens : eine auslaufende reihe kann ja auch in sauberen häufchen stehen, aber das wird die ordnungsfreudigkeit wohl unterstützen: dass mit der erfassbaren ordnung ein stück unendlichkeit mitgedacht wird. (ein stück unendlichkeit: wie widersinnig: trotzdem oft: wie wahr: gerade ‚ewig’ möchte ich ja nicht unbedingt leben, aber schon mal eine rechte weile länger, als zu erwarten ist.)
die abnützung der gebrauchsgegenstände, die an ihre endlichkeit denken lässt, verschafft mir eher ein noch besseres gefühl. die abgeschliffenen steinstufen alter treppen, die tassen, töpfe mit einem ecken ab, kleider, die mir am körper dünner und dünner werden, das weckt ein gefühl der einigkeit, das vielleicht tröstlich ist, resignierter auch, ohne ausblick auf ein jenseitiges leben, mit keiner option auf ein stückchen unendlichkeit : der topf wird halt fortgeworfen, wenn er zerbricht, der mensch wird eingegraben, wenn er stirbt.
die wäscheschränke machten mich früher oft hässig : wie viel zeit da in ordnung um der ordnung willen eingesetzt wurde, wieviele wünsche begraben werden mussten, weil die wäsche gebügelt sein musste und keine zeit für wünsche übrigblieb; dass dieser verzicht nicht zuletzt dem gefühl der sicherheit zugute kommen sollte, ist eine sehr späte erfahrung von mir. die innere und äussere sicherheit aller staaten hängt von der disziplin ab. und disziplin wird nicht erreicht, wenn jeder so vor sich hin wünscht. vielleicht ist das gefühl der sicherheit bei kindern noch vorhanden ohne wäsche- und andere ordnungen – die zeit, da die wünsche noch in erfüllung gehen – und dieses gefühl geht verloren in verschiedenen wäschebergen und geordneten schränken.
so ist die freude an einem geordneten wäscheschrank wohl resignierter als ich vorerst dachte : wiedererwachen aus wunschträumen in ordnungen, die sich ewig repetieren, ist doch eher ein einschlafen : vom selbertun zum getanwerden. (vielleicht kann man sich die hölle so vorstellen: eine wäscheabteilung bei friedrich dem grossen.)
die abnützung bei gegenständen und lebewesen, vor allem bei gegenständen, ist mir nie unnatürlich vorgekommen, hat mich nie hässig gemacht. dass ein spielzeug (was immer das auch sei, ich meine nicht nur kinderspielzeug – ich spiele mit büchern, sätzen, lebensmitteln) nicht an jedem tag gleich aussieht, dass es sein gesicht und seinen charakter ändert, ist doch nicht an sich störend, im gegenteil. was mich zum schreien bringt ist der tod der existenzien (gegenstände). ich will die abnützung nicht in kausalen zusammenhang mit dem tod bringen; die schmerzen, die angesichts des todes erlebt werden, haben nichts mit rationalem verstehen zu tun. dass abnützung zur auflösung einer existenz führt, ist eine rationale erkenntnis (und wie wenig oft werden tode aus altersschwäche, oder was man dafür halten muss, gestorben). die veränderung, abnützung ist doch dem leben lieb, den wünschen gemässer als eine starre, unveränderliche ordnung.
dass mit zunehmendem alter ‚die zeit im nu vergeht’ : könnte das nicht mit eben diesen ordnungen zusammenhängen, die gewöhnungen erzeugen, klischees zu tatsachen machen. die welt ist erklärt, die wünsche haben sich dünn gemacht. man stutzt nicht mehr ‚wegen jedem dreck’, man setzt sich nicht mehr mit vielen dingen auseinander: das denken und fühlen hat seine formen gefunden – die erlebnisweisen sind eingeschränkt durch ordnungen – die zeit, in der nichts ‚spannendes’ geschieht, ist häufig und verfliegt in windeseile. die wäscheordnungen haben die wünsche eingewickelt und vertrieben. die welt ist sauber geputzt. die sprache hat nichts mehr neues zu sagen. eine mottenkugel im wäscheschrank. adieu!
[se:1982]
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ORDNUNG, ab origine
ein satz, so ganz aus gottes hosenboden: „auch ich erfinde“. (so, oder auch nicht, ist es.)

[se:040303/070321]
> archiv > archive und kinder > unordnung

[se:040303/070321]
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2007-04-02
AUFMERKSAMKEIT, SCHWEBENDE
katze, hund, mensch, stuhl : ein koexistierendes ensemble? ein tableau gar?

„Muss man den letzten Müssiggänger darauf hinweisen, dass ein ‚Tableau’ (und wahrscheinlich in allen möglichen Bedeutungen des Wortes) formal eine ‚Serie von Serien’ ist? Auf jeden Fall ist es kein kleines festes Bild, das man vor eine Laterne stellt – zur grossen Enttäuschung der kleinen Kinder, die in ihrem Alter freilich die Belebtheit des Kinos vorziehen.“
michel foucault
[se:070402]
> schlaraffenland > foucault > lesen, ein wunder > aufmerksamkeit, schwebende

„Muss man den letzten Müssiggänger darauf hinweisen, dass ein ‚Tableau’ (und wahrscheinlich in allen möglichen Bedeutungen des Wortes) formal eine ‚Serie von Serien’ ist? Auf jeden Fall ist es kein kleines festes Bild, das man vor eine Laterne stellt – zur grossen Enttäuschung der kleinen Kinder, die in ihrem Alter freilich die Belebtheit des Kinos vorziehen.“
michel foucault
[se:070402]
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